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Cover
VERLAG
Knaur TB
SEITENZAHL
288
AUSSTATTUNG
SC
PREIS
EUR (D) 8,95
ISBN
3-426-62660-8
ISBN-13
978-3-426-62660-3
ERSCHEINUNGSTERMIN
2012-02-06

 

Leseprobe




Kapitel 1

Newark Airport. Das Taxi hat sie am Bürgersteig abgesetzt
und taucht im Strom der Fahrzeuge unter, die um
den Passagierterminal kreisen; sie sieht zu, wie es in der Ferne
verschwindet. Der große grüne Seesack zu ihren Füßen wiegt
fast so viel wie sie selbst. Sie hebt ihn hoch, zieht eine Grimasse,
legt den Riemen über die Schulter. Sie geht durch die
automatische Tür des Terminals 1, durchquert die Eingangshalle
und geht ein paar Stufen hinab; zu ihrer Rechten eine
Wendeltreppe. Trotz der schweren Last steigt sie die Stufen hinauf
und eilt entschlossen den Gang entlang. Vor der Fensterfront
einer Bar, die in orangefarbenes Licht getaucht ist, bleibt
sie stehen und schaut hinein. Auf die Resopaltheke gestützt,
schlürfen ein paar Männer ihr Bier und kommentieren lauthals
die Spielergebnisse, die auf dem Bildschirm des Fernsehers an
der Wand zu sehen sind. Sie stößt die Holztür mit dem großen
Bullauge auf, tritt ein, schaut suchend über die roten und
grünen Tische hinweg.
Sie sieht ihn ganz hinten an der Fensterfront, die auf die
Asphaltrollbahn blickt. Er hat das Kinn auf die rechte Hand
gestützt, während die linke über die Papierdecke huscht und ein
Gesicht darauf zeichnet.
Seine Augen, die sie noch nicht sehen kann, wandern immer
wieder zur gelben Rollbahnmarkierung, die den Flugzeugen den
genauen Weg zur Startbahn weist. Sie zögert, entscheidet sich
für den rechten Gang, der sie geradewegs auf ihn zuführt, ohne
dass er sie sehen kann. Sie geht an der summenden Gefriertruhe
vorbei und nähert sich mit schnellen und doch leisen Schritten.
Bei ihm angelangt, legt sie ihm die Hand auf den Kopf und zerzaust
ihm zärtlich das Haar. Auf dem gewaffelten Papier erkennt
sie ihr eigenes Porträt.
»Habe ich dich warten lassen?«, fragt sie.
»Nein, du bist fast pünktlich. Aber ab jetzt wirst du mich warten
lassen.«
»Bist du schon lange da?«
»Ich hab keine Ahnung. Wie hübsch du bist! Komm, setz
dich.«usatz
Sie lächelt und schaut auf ihre Uhr.
»Mein Flugzeug geht in einer Stunde.«
»Ich werde alles tun, damit du’s verpasst, damit du es niemals
nimmst.«
»Gut, dann fliege ich eben in zwei Minuten!«, sagt sie und setzt
sich neben ihn.
»Okay, okay, ich verspreche dir: kein Kommentar mehr. Ich
hab dir was mitgebracht.«
Er legt eine schwarze Plastiktüte auf den Tisch und schiebt
sie ihr mit dem Zeigefinger hin. Sie neigt den Kopf zur Seite,
ihre Art zu fragen: Was ist das wohl? Und da er ihre Mimik
und den Ausdruck ihrer Augen zu deuten weiß, antwortet
er: »Mach auf, du wirst schon sehen.« Es ist ein kleines Fotoalbum.
Er fängt an, darin zu blättern. Auf der ersten Seite, in Schwarz-
Weiß, ein Mädchen und ein Junge von zwei Jahren, die sich,
jeder die Hände auf den Schultern des anderen, gegenüberstehen.
»Das ist das älteste Foto, das ich von uns beiden gefunden habe«,
sagt er.
Er blättert weiter. »Dies hier sind wir beide irgendwann um Weihnachten, ich
weiß nicht mehr, in welchem Jahr, aber wir waren noch keine
zehn. Ich glaube, es war das Jahr, als ich dir mein Taufmedaillon
geschenkt habe.«
Susan greift in ihren Ausschnitt und zieht das Kettchen mit dem
Anhänger der heiligen Teresia hervor, das sie niemals ablegt. Ein
paar Seiten weiter unterbricht sie ihn und kommentiert nun
selbst:
»Das waren wir mit dreizehn im Garten deiner Eltern, ich hatte
dich gerade geküsst, und du meintest: �Das ist ja widerlich!‹, als
ich meine Zunge in deinen Mund schieben wollte. Und das hier
war zwei Jahre später; diesmal fand ich es widerlich, als du mit
mir schlafen wolltest.«
Bei der nächsten Seite ergreift wieder Philip das Wort und zeigt
auf ein weiteres Foto.
»Und wenn ich mich recht entsinne, fandest du’s ein Jahr
später, nach diesem Fest hier, überhaupt nicht mehr widerlich.
«usatz
Jede Seite, jedes Foto stellt eine Epoche ihrer gemeinsamen
Kindheit dar. Sie unterbricht ihn.
»Du hast ein halbes Jahr übersprungen; gibt es kein Foto von
der Beerdigung meiner Eltern? Genau damals fand ich dich ungeheuer
attraktiv!«
»Hör auf mit dem Blödsinn, Susan!«
»Das meine ich ernst. Es war das erste Mal, dass du mir stärker
vorkamst als ich, das hat mir unheimlich gut getan. Weißt du,
ich werde nie vergessen …«
»Hör auf damit …«
»… dass du es warst, der meiner Mutter während der Totenwache
den Trauring vom Finger gezogen hat …«
»Gut, könnten wir jetzt das Thema wechseln?«
»… und der mich jedes Jahr an meine Eltern erinnert hat. Du
warst immer so aufmerksam in der Woche, in der sich ihr Unfall
jährte.«
»Themawechsel, bitte.«
»Na, gut, dann blätter weiter und lass uns mit jeder Seite altern.«
Er sieht sie unbewegt an und nimmt den Schatten in ihren
Augen wahr. Sie schenkt ihm ein Lächeln und fährt fort:
»Ich weiß, es ist egoistisch von mir, mich von dir zum Flugzeug
begleiten zu lassen.«
»Susan, warum machst du das?«
»Weil �das‹ eine konsequente Umsetzung meiner Träume ist.
Ich will nicht enden wie meine Eltern, Philip. Sie haben ihr
Leben damit zugebracht, ihre Kredite abzustottern, und wozu?
Um am Ende beide an einem Baum zu kleben mit dem schönen
Auto, das sie sich geleistet hatten. Ihr ganzes Leben, das waren
zwei Sekunden in den Abendnachrichten; die konnte ich dann
am Bildschirm des schönen Fernsehapparats sehen, der noch
nicht abbezahlt war. Ich verurteile nichts und niemanden, Philip,
aber ich will etwas anderes. Und mich um andere zu kümmern,
das ist für mich ein lohnender Lebensinhalt.«
Er betrachtet sie, verloren und doch voller Bewunderung
für ihre Entschlossenheit. Seit dem Unfall ist sie nicht mehr
ganz dieselbe; als hätte sich die Zeit beschleunigt, wie Karten,
die man ablegt, zwei auf einmal, um sie schneller auszuteilen.
Susan wirkt älter als ihre einundzwanzig Jahre, außer sie lacht,
was häufig vorkommt. Sobald sie ihren Junior-College-Abschluss
und das Associate-of-Arts-Diplom in der Tasche hatte,
war sie für das Peace Corps tätig geworden, jene humanitäre
Organisation, die junge Leute ins Ausland schickt.
In knapp einer Stunde würde sie zu einem zweijährigen Aufenthalt
in Honduras aufbrechen. Mehrere tausend Kilometer
von New York entfernt, würde sie in eine andere Welt
eintreten.

 ---

In der Bucht von Puerto Castilla und in der von Puerto Cortes
waren alle, die sonst gern unter freiem Himmel schliefen,
lieber in ihre Häuser gegangen. Am Ende des Nachmittags
war Wind aufgekommen, der bereits stärker wurde. Doch
sie sorgten sich nicht. Es war weder das erste noch das letzte
Mal, dass sich ein tropischer Sturm ankündigte. Das Land
war an Regengüsse gewöhnt, die zu dieser Jahreszeit häufig
waren. Der Tag schien sich ungewöhnlich früh verabschieden
zu wollen, die Vögel nahmen Reißaus – ein schlechtes Vorzeichen.
Gegen Mitternacht wirbelte der Sand auf und bildete
Wolken, nur wenige Zentimeter über dem Boden. Das Meer
schwoll an, schnell, und schon waren die Rufe, die man sich zuwarf
– die Boote mussten fester vertäut werden –, nicht mehr zu
verstehen.
Im Schein der zuckenden Blitze tanzten sie gefährlich auf den
brodelnden Wogen. Von der Dünung getragen, stießen ihre
hölzernen Flanken krachend aneinander. Um zwei Uhr fünfzehn
wurde das fünfunddreißig Meter lange Frachtschiff San
Andrea gegen das Riff geschleudert und versank innerhalb von
acht Minuten, nachdem die ganze Backbordseite aufgeschlitzt
worden war. Im selben Augenblick hob auf dem kleinen Flugplatz
von La Ceiba die vor einem Hangar parkende silbergraue
DC3 unvermittelt ab, um gleich darauf zu Füßen des Gebildes,
das als Kontrollturm diente, wieder herunterzukrachen; es war
kein Pilot an Bord. Die beiden Propeller knickten ab, und das
Leitwerk zerbrach in zwei Teile. Wenige Minuten später kippte
der Tanklastwagen auf die Seite, rutschte, und eine Funkengarbe
entzündete das Benzin.

---

Philip greift nach Susans Hand, dreht sie um und streichelt die
Innenfläche.
»Du wirst mir fehlen, Susan.«
»Du mir auch … und wie!«
»Einerseits bin ich stolz auf dich, andererseits hasse ich es, so im
Stich gelassen zu werden.«
»Hör bitte auf. Wir hatten uns doch fest vorgenommen, dass
keine Tränen fließen.«
»Verlang nicht das Unmögliche!«
Einer zum anderen vorgeneigt, teilen sie die Trauer der
Trennung und das Glück einer neunzehnjährigen Verbundenheit,
die fast ihr ganzes Leben ausmacht.
»Höre ich von dir?«, fragt er mit einer Kleinjungenstimme.
»Nein!«
»Schreibst du mir?«
»Meinst du, ich könnte ein Eis bekommen?«
Er dreht sich um, winkt den Kellner herbei und bestellt
zwei Kugeln Vanilleeis, darüber heiße, geschmolzene Schokolade,
bestreut mit Mandelsplittern, und das Ganze mit flüssigem
Karamell übergossen, genau in dieser Zusammenstellung ihr
absolutes Lieblingsdessert. Susan sieht ihm geradewegs in die
Augen.
»Und du?«
»Ich schreibe dir, sobald ich deine Adresse habe.«
»Nein, ich meine, hast du dich entschieden, was du machen
willst?«
»Zwei Jahre Cooper Union in New York, und nach der Kunstakademie
versuche ich, Karriere in einer großen Werbeagentur
zu machen.«
»Also hast du deine Meinung nicht geändert? Unsinn, was ich
sage, schließlich änderst du deine Meinung nie.«
»Im Gegensatz zu dir?«
»Philip, du wärst nicht mitgekommen, wenn ich dich darum
gebeten hätte, weil es einfach nicht dein Leben ist. Und ich, ich
kann nicht hier bleiben, weil es nicht mein Leben ist. Also hör
auf, ein langes Gesicht zu machen.«
Susan schleckt genüsslich ihren Löffel ab, füllt ihn und führt ihn
von Zeit zu Zeit auch an Philips Mund, der es willig mit sich geschehen
lässt. Sie kratzt den Grund des Bechers aus, versucht,
die letzten Mandelsplitter an den Seiten zu erwischen. Sie presst
die Nase an die Scheibe. Die große Uhr an der Wand gegenüber
zeigt fünf Uhr an. Es folgt ein kurzes befremdliches Schweigen.
Schließlich beugt sie sich über den Tisch, schlingt die Arme um
Philips Hals und flüstert ihm ins Ohr:
»Ich fürchte mich, weißt du?«
Philip schiebt sie ein wenig zurück, um sie besser ansehen zu
können.
»Ich auch.«


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