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Cover
VERLAG
Knaur TB
SEITENZAHL
288
AUSSTATTUNG
SC
PREIS
EUR (D) 8,95
ISBN
3-426-62925-9
ISBN-13
978-3-426-62925-3
ERSCHEINUNGSTERMIN
2012-02-06

 

Leseprobe




Erster Tag

Auf seinem Bett ausgestreckt, betrachtete Lukas das hektisch blinkende Lämpchen seines Handys. Er klappte sein Buch zu und legte es neben sich; er war begeistert. Er las diese Geschichte nun schon zum dritten Mal innerhalb von achtundvierzig Stunden, und seit Höllengedenken hatte ihn keine Lektüre mehr so gefesselt.

Er strich mit der Fingerspitze über den Buchdeckel. Dieser Hilton war auf dem besten Weg, sein Kult-Autor zu werden. Er nahm das Werk wieder in die Hand – welch ein Glück, dass ein Gast es in der Nachttischschublade des Hotels vergessen hatte – und beförderte es mit einem gezielten Wurf in den geöffneten Koffer am anderen Ende des Raums. Er sah auf die kleine Standuhr, räkelte sich und verließ das Bett. Steh auf und wandle, sagte er sich vergnügt. Vor dem Spiegelschrank zog er den Krawattenknoten

zurecht, strich die Jacke seines schwarzen Anzugs glatt, nahm seine Sonnenbrille von dem kleinen Tisch neben dem Fernseher und steckte sie in die Brusttasche seines Jacketts. Das Handy an seinem Gürtel hörte nicht auf zu vibrieren. Er stieß die Tür des Wandschranks mit dem Fuß zu und trat ans Fenster. Er zog die graue Gardine zur Seite, um einen Blick in den Innenhof zu werfen; kein Windhauch würde den Smog vertreiben, der den Süden Manhattans bis hin nach TriBeCa überzog. Der Tag würde

glühend heiß werden. Lukas liebte die Sonne, und wer wusste besser als er, wie schädlich sie war. Förderte sie in Dürregebieten nicht die Ausbreitung aller möglichen

Keime und Bakterien? War sie nicht unerbittlicher als der Sensenmann, um die Schwachen von den Starken zu trennen? »Und es wurde Licht«, trällerte er vor sich hin und nahm den Telefonhörer ab. Er bat den Portier, seine Rechnung fertig zu machen – er müsse vorzeitig abreisen –, und verließ das Zimmer.

Am Ende des Flurs schaltete er die Alarmvorrichtung der Tür ab, die zur Nottreppe führte.

In dem kleinen Innenhof nahm er das Büchlein an sich, warf den Koffer in den großen Müllcontainer und machte sich beschwingten Schrittes auf den Weg.

In der kleinen Straße von SoHo mit seinem Kopfsteinpflaster betrachtete Lukas genüsslich ein gusseisernes Balkongeländer, das nur durch zwei verrostete Nieten daran gehindert wurde, in die Tiefe zu stürzen. Die Mieterin des dritten Stocks, ein junges Mannequin mit allzu schön modellierten Brüsten, einer unverschämt schlanken Taille und vollen Lippen, hatte es sich eben nichts ahnend – und das war gut so – in ihrem Liegestuhl bequem gemacht. In wenigen Minuten (wenn sein Blick ihn nicht täuschte, und er täuschte ihn nie) würden die Nieten nachgeben. Das zauberhafte Wesen würde dann mit verrenkten Gliedern drei Etagen tiefer aufschlagen. Das Blut, das aus ihrem Ohr zwischen die Fugen der Pflastersteine liefe, würde das Entsetzen in ihrem Gesicht noch hervorheben. So bliebe ihr hübsches Antlitz starr, bis es sich in einer Holzkiste zersetzte, in die das schöne Kind von der Familie eingesperrt würde, sobald alles unter einer Marmorplatte und Strömen sinnloser Tränen verschwunden war. Eine Bagatelle, die höchstens vier schlecht redigierte Zeilen in einem Stadtteil-Blättchen zur Folge haben und dem Hausverwalter einen Prozess einbringen würde. Der Verantwortliche Ingenieur im Rathaus würde seine Stelle verlieren (man braucht schließlich immer einen Sündenbock), einer seiner Vorgesetzten würde die Angelegenheit abschließen und das Fazit ziehen, dass der Unfall zum Drama hätte werden können, wenn sich Passanten unter dem Geländer befunden hätten. Es gab also noch einen Gott auf dieser Welt – und das war das eigentliche Problem von Lukas.

Der Tag hätte perfekt beginnen können, hätte im Innern der hübschen Wohnung nicht das Telefon geklingelt, das die Mieterin offenbar im Badezimmer hatte liegen lassen.

Sie stand doch tatsächlich von ihrem Liegestuhl auf, um es zu holen: Kein Zweifel, das Hirn eines hübschen Mannequins besaß weniger Auffassungsgabe als ein Mac, dachte

Lukas frustriert.

Er biss die Zähne zusammen, und sein Kiefer knirschte fast wie der Müllwagen, der donnernd die Straße herunterkam. Mit einem trockenen entschiedenen Knall brach die Metallkonstruktion des Balkons aus der Fassade und stürzte in die Tiefe. Im Stockwerk darunter zerbarst ein Fenster, zertrümmert durch ein Stück des Geländers. Ein gewaltiges Mikado aus verrosteten Eisenträgern, in dem sich Kolonien von Tetanusbazillen eingenistet hatten, krachte auf das Pflaster. Lukas’ Auge leuchtete wieder auf. Ein scharfkantiger Querträger schoss mit atemberaubender Geschwindigkeit nach unten. Wenn seine blitzschnelle Kalkulation sich, wie üblich, als richtig erwies, so war noch nichts verloren. Er schlenderte lässig über die Straße, zwang dadurch den Fahrer des Müllwagens, das Tempo zu drosseln. Der Eisenträger traf auf das Führerhaus, bohrte sich in den Brustkorb des Fahrers, und der Wagen machte einen Schlenker. Den beiden Müllmännern auf ihrer Plattform blieb nicht einmal Zeit zu schreien: Einer geriet in die klaffende Öffnung des Wagens und wurde augenblicklich

von den Mahlwerkzeugen, die unerschütterlich weiter ihren Dienst taten, zermalmt, der andere wurde nach vorn geschleudert und rutschte über den Asphalt. Der Vorderreifen des Wagens überrollte sein Bein. Bei seiner Weiterfahrt prallte der Laster gegen einen Laternenpfahl, der umknickte. Dadurch wurden die Stromkabel freigelegt, die durch eine glückliche Fügung in das schmutzige Wasser des Rinnsteins fielen. Eine Funkengarbe

kündigte einen großartigen Kurzschluss an, der den ganzen Umkreis ergriff. Im Viertel fielen alle Ampeln aus und waren jetzt schwarz wie der Anzug von Lukas. Aus der Ferne war schon der Lärm der ersten Unfälle an den sich selbst überlassenen Kreuzungen zu hören. An der Ecke Crosby Street und Spring war der Zusammenstoß des führerlosen

Müllwagens mit einem gelben Taxi nicht aufzuhalten. Seitlich getroffen, schob sich das Yellow Cab in das Schaufenster des Shops des Modern Art Museum. »Ein neues Kunstwerk für ihre Vitrine«, murmelte Lukas vor sich hin. Die Vorderachse des Müllwagens schob sich auf ein parkendes Fahrzeug, die blinden Scheinwerfer gen

Himmel gerichtet. Der schwere Kipper krümmte sich mit einem Scheppern von berstendem Blech, bevor er auf die Seite fiel. Tonnen von Müll, die er befördert hatte, ergossen sich aus seinen Gedärmen und bedeckten die Fahrbahn mit einem Teppich aus Unrat. Auf den Lärm des fesselnden Dramas folgte Totenstille. Unbekümmert setzte die Sonne ihre Bahn fort. Durch die Hitze ihrer Strahlen würde die Luft schnell zu einem Pesthauch werden.

Lukas zupfte den Kragen seines Oberhemds zurecht; er fand es grauenvoll, wenn die Spitzen des Revers aus seinem Jackett schauten. Er betrachtete das Ausmaß der Katastrophe ringsum und sah auf seine Uhr. Es war kurz vor neun, und letztendlich kündigte sich ein herrlicher Tag an.

Der Kopf des Taxifahrers ruhte auf dem Lenkrad und betätigte so die Hupe, die im Gleichklang mit dem Horn der Schleppkähne im New Yorker Hafen ertönte, diesem bei schönem Wetter so unvergleichlichen Ort, wie an diesem Sonntag im Spätherbst. Lukas war auf dem Weg dorthin. Von da aus würde ihn ein Hubschrauber zum Airport La-Guardia bringen, seine Maschine würde in Sechsundsechzig Minuten starten.



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