Leseprobe
Erster Tag
Auf seinem Bett ausgestreckt, betrachtete Lukas
das hektisch blinkende Lämpchen seines Handys. Er klappte sein Buch zu
und legte es neben sich; er war begeistert. Er las diese Geschichte nun
schon zum dritten Mal innerhalb von achtundvierzig Stunden, und seit
Höllengedenken hatte ihn keine Lektüre mehr so gefesselt.
Er
strich mit der Fingerspitze über den Buchdeckel. Dieser Hilton war auf
dem besten Weg, sein Kult-Autor zu werden. Er nahm das Werk wieder in
die Hand – welch ein Glück, dass ein Gast es in der Nachttischschublade
des Hotels vergessen hatte – und beförderte es mit einem gezielten Wurf
in den geöffneten Koffer am anderen Ende des Raums. Er sah auf die
kleine Standuhr, räkelte sich und verließ das Bett. Steh auf und
wandle, sagte er sich vergnügt. Vor dem Spiegelschrank zog er den
Krawattenknoten
zurecht, strich die Jacke seines schwarzen
Anzugs glatt, nahm seine Sonnenbrille von dem kleinen Tisch neben dem
Fernseher und steckte sie in die Brusttasche seines Jacketts. Das Handy
an seinem Gürtel hörte nicht auf zu vibrieren. Er stieß die Tür des
Wandschranks mit dem Fuß zu und trat ans Fenster. Er zog die graue
Gardine zur Seite, um einen Blick in den Innenhof zu werfen; kein
Windhauch würde den Smog vertreiben, der den Süden Manhattans bis hin
nach TriBeCa überzog. Der Tag würde
glühend heiß werden.
Lukas liebte die Sonne, und wer wusste besser als er, wie schädlich sie
war. Förderte sie in Dürregebieten nicht die Ausbreitung aller
möglichen
Keime und Bakterien? War sie nicht unerbittlicher
als der Sensenmann, um die Schwachen von den Starken zu trennen? »Und
es wurde Licht«, trällerte er vor sich hin und nahm den Telefonhörer
ab. Er bat den Portier, seine Rechnung fertig zu machen – er müsse
vorzeitig abreisen –, und verließ das Zimmer.
Am Ende des Flurs schaltete er die Alarmvorrichtung der Tür ab, die zur Nottreppe führte.
In dem kleinen Innenhof nahm er das Büchlein an sich, warf den Koffer
in den großen Müllcontainer und machte sich beschwingten Schrittes auf
den Weg.
In der kleinen Straße von SoHo mit seinem
Kopfsteinpflaster betrachtete Lukas genüsslich ein gusseisernes
Balkongeländer, das nur durch zwei verrostete Nieten daran gehindert
wurde, in die Tiefe zu stürzen. Die Mieterin des dritten Stocks, ein
junges Mannequin mit allzu schön modellierten Brüsten, einer
unverschämt schlanken Taille und vollen Lippen, hatte es sich eben
nichts ahnend – und das war gut so – in ihrem Liegestuhl bequem
gemacht. In wenigen Minuten (wenn sein Blick ihn nicht täuschte, und er
täuschte ihn nie) würden die Nieten nachgeben. Das zauberhafte Wesen
würde dann mit verrenkten Gliedern drei Etagen tiefer aufschlagen. Das
Blut, das aus ihrem Ohr zwischen die Fugen der Pflastersteine liefe,
würde das Entsetzen in ihrem Gesicht noch hervorheben. So bliebe ihr
hübsches Antlitz starr, bis es sich in einer Holzkiste zersetzte, in
die das schöne Kind von der Familie eingesperrt würde, sobald alles
unter einer Marmorplatte und Strömen sinnloser Tränen verschwunden war.
Eine Bagatelle, die höchstens vier schlecht redigierte Zeilen in einem
Stadtteil-Blättchen zur Folge haben und dem Hausverwalter einen Prozess
einbringen würde. Der Verantwortliche Ingenieur im Rathaus würde seine
Stelle verlieren (man braucht schließlich immer einen Sündenbock),
einer seiner Vorgesetzten würde die Angelegenheit abschließen und das
Fazit ziehen, dass der Unfall zum Drama hätte werden können, wenn sich
Passanten unter dem Geländer befunden hätten. Es gab also noch einen
Gott auf dieser Welt – und das war das eigentliche Problem von Lukas.
Der Tag hätte perfekt beginnen können, hätte im Innern der hübschen
Wohnung nicht das Telefon geklingelt, das die Mieterin offenbar im
Badezimmer hatte liegen lassen.
Sie stand doch tatsächlich
von ihrem Liegestuhl auf, um es zu holen: Kein Zweifel, das Hirn eines
hübschen Mannequins besaß weniger Auffassungsgabe als ein Mac, dachte
Lukas frustriert.
Er biss die Zähne zusammen, und sein Kiefer knirschte fast wie der
Müllwagen, der donnernd die Straße herunterkam. Mit einem trockenen
entschiedenen Knall brach die Metallkonstruktion des Balkons aus der
Fassade und stürzte in die Tiefe. Im Stockwerk darunter zerbarst ein
Fenster, zertrümmert durch ein Stück des Geländers. Ein gewaltiges
Mikado aus verrosteten Eisenträgern, in dem sich Kolonien von
Tetanusbazillen eingenistet hatten, krachte auf das Pflaster. Lukas’
Auge leuchtete wieder auf. Ein scharfkantiger Querträger schoss mit
atemberaubender Geschwindigkeit nach unten. Wenn seine blitzschnelle
Kalkulation sich, wie üblich, als richtig erwies, so war noch nichts
verloren. Er schlenderte lässig über die Straße, zwang dadurch den
Fahrer des Müllwagens, das Tempo zu drosseln. Der Eisenträger traf auf
das Führerhaus, bohrte sich in den Brustkorb des Fahrers, und der Wagen
machte einen Schlenker. Den beiden Müllmännern auf ihrer Plattform
blieb nicht einmal Zeit zu schreien: Einer geriet in die klaffende
Öffnung des Wagens und wurde augenblicklich
von den
Mahlwerkzeugen, die unerschütterlich weiter ihren Dienst taten,
zermalmt, der andere wurde nach vorn geschleudert und rutschte über den
Asphalt. Der Vorderreifen des Wagens überrollte sein Bein. Bei seiner
Weiterfahrt prallte der Laster gegen einen Laternenpfahl, der
umknickte. Dadurch wurden die Stromkabel freigelegt, die durch eine
glückliche Fügung in das schmutzige Wasser des Rinnsteins fielen. Eine
Funkengarbe
kündigte einen großartigen Kurzschluss an, der
den ganzen Umkreis ergriff. Im Viertel fielen alle Ampeln aus und waren
jetzt schwarz wie der Anzug von Lukas. Aus der Ferne war schon der Lärm
der ersten Unfälle an den sich selbst überlassenen Kreuzungen zu hören.
An der Ecke Crosby Street und Spring war der Zusammenstoß des
führerlosen
Müllwagens mit einem gelben Taxi nicht
aufzuhalten. Seitlich getroffen, schob sich das Yellow Cab in das
Schaufenster des Shops des Modern Art Museum. »Ein neues Kunstwerk für
ihre Vitrine«, murmelte Lukas vor sich hin. Die Vorderachse des
Müllwagens schob sich auf ein parkendes Fahrzeug, die blinden
Scheinwerfer gen
Himmel gerichtet. Der schwere Kipper krümmte
sich mit einem Scheppern von berstendem Blech, bevor er auf die Seite
fiel. Tonnen von Müll, die er befördert hatte, ergossen sich aus seinen
Gedärmen und bedeckten die Fahrbahn mit einem Teppich aus Unrat. Auf
den Lärm des fesselnden Dramas folgte Totenstille. Unbekümmert setzte
die Sonne ihre Bahn fort. Durch die Hitze ihrer Strahlen würde die Luft
schnell zu einem Pesthauch werden.
Lukas zupfte den Kragen
seines Oberhemds zurecht; er fand es grauenvoll, wenn die Spitzen des
Revers aus seinem Jackett schauten. Er betrachtete das Ausmaß der
Katastrophe ringsum und sah auf seine Uhr. Es war kurz vor neun, und
letztendlich kündigte sich ein herrlicher Tag an.
Der Kopf
des Taxifahrers ruhte auf dem Lenkrad und betätigte so die Hupe, die im
Gleichklang mit dem Horn der Schleppkähne im New Yorker Hafen ertönte,
diesem bei schönem Wetter so unvergleichlichen Ort, wie an diesem
Sonntag im Spätherbst. Lukas war auf dem Weg dorthin. Von da aus würde
ihn ein Hubschrauber zum Airport La-Guardia bringen, seine Maschine
würde in Sechsundsechzig Minuten starten.
