Leseprobe
Der alte Ford fuhr im rötlichen Mondlicht, das über der Monterey Bay
lag, den Hügel hinauf. Seit sie die beiden jungen Frauen in ihrem
kleinen Hotel abgesetzt hatten, hatte Paul den Mund nicht aufgemacht.
Arthur schaltete das Radio aus und hielt in der kleinen Parkbucht am
Rande des Felsens. Er stellte den Motor aus und stützte das Kinn auf
das Lenkrad aus Bakelit. Weiter unten zeichnete sich der Schatten des
Hauses ab. Er öffnete das Fenster, und der Duft nach wilder Minze, der
über die Hügel trieb, erfüllte den Wagen.
»Warum ziehst du so ein Gesicht?«, fragte Arthur. »Hältst du mich für blöd?«
Paul schlug mit der Hand auf das Armaturenbrett.
»Und, willst du das Auto auch loswerden? Willst du alle Erinnerungen über Bord werfen?«
»Ich weiß gar nicht, wovon du sprichst.«
»Ich habe dein Theater durchschaut, ›lass uns zuerst zum Friedhof
fahren, und dann an den Strand, lass uns lieber Langusten essen …‹
Glaubst du, nachts würde ich das Schild ›zu verkaufen‹, das an deinem
Zaun hängt, nicht sehen? Wann hast du diesen Entschluss gefasst?«
»Vor ein paarWochen, aber ich habe noch kein ernsthaftes Angebot bekommen.«
»Ich habe dir gesagt, du sollst ein neues Kapitel anfangen, was diese
Frau angeht, und nicht mit deiner ganzen Vergangenheit Schluss machen.
Wenn du dich von Lilis
Haus trennst, wirst du es bereuen.
Irgendwann trittst du an diesen Zaun und klingelst am Tor; Fremde
werden dir dein eigenes Haus zeigen, und wenn sie dich zur Tür
dessen begleiten, was deine Kindheit war, wirst du dich sehr, sehr allein fühlen.«
Arthur startete den Ford wieder. Das grüne Tor stand offen, und der Kombi fuhr unter das Schilfdach, das als Garage diente.
»Du bist störrischer als ein Maultier!«, schimpfte Paul und stieg aus.
»Kennst du dich mit Maultieren aus?«
Der Himmel war wolkenlos. Im hellen Mondlicht zeichnete sich die
Umgebung deutlich ab. Sie gingen die kleine Steintreppe neben dem Pfad
hinauf. Auf halbem Weg entdeckte Arthur zu seiner Rechten die Reste des
Rosengartens. Er wurde schon lange nicht mehr gepflegt, doch seine
verschiedenen Düfte riefen bei jedem Schritt Erinnerungen wach.
Das Haus war im selben Zustand, wie er es an seinem letzten gemeinsamen
Morgen mit Lauren zurückgelassen hatte. Die Fassade mit den
geschlossenen Fensterläden
war noch ein wenig mehr verwittert, aber die Dachziegel waren unbeschädigt.
Paul stieg die Stufen bis zur Veranda hinauf und rief nach Arthur.
»Hast du den Schlüssel?«
»Er ist in der Agentur. Warte, ich habe drinnen einen zweiten.«
»Und gehst du durch die Mauern, um ihn zu holen?«
Arthur antwortete nicht. Er lief zum Eckfenster und zog ohne Zögern
einen kleinen Holzkeil unter dem Fensterladen heraus, der sich
quietschend öffnete. Dann hob er
das Fenster leicht an, zog
es ein wenig vor und drückte es in den Schienen nach oben. So konnte er
ungehindert ins Haus steigen.
In dem kleinen Arbeitszimmer
war es völlig dunkel, doch Arthur brauchte kein Licht, um sich
zurechtzufinden. Seine Kindheitserinnerungen waren intakt, und er
kannte jeden Winkel. Aus Angst, das Bett zu sehen, vermied er es, sich
umzudrehen; er ging direkt zum Wandschrank, öffnete die Tür und kniete
sich hin. Er brauchte nur die Hand auszustrecken, und schon spürte er
das Leder des kleinen schwarzen Köfferchens, das Lilis Geheimnisse
verwahrte. Er öffnete die Schlösser und hob vorsichtig den Deckel. Der
Duft der beiden Essenzen, die Lili in einem großen gelben
Kristallflakon mit einem mattsilbernen Stöpsel mischte, stieg auf. Doch
dies war nicht die einzige Erinnerung an seine Mutter.
Arthur
nahm den langen Schlüssel, der noch dort lag, wo er ihn zurückgelassen
hatte, als er das Haus das letzte Mal abgesperrt hatte. Das war
gewesen, nachdem der
Inspektor Lauren in ihr
Krankenhauszimmer zurückgebracht hatte, von wo Arthur und Paul sie
entführt hatten, um sie vor dem vorprogrammierten Tod zu retten.
Arthur verließ das kleine Arbeitszimmer. Als er auf dem Flur stand,
schaltete er das Licht an. Das Parkett knarrte unter seinen Schritten.
Er schob den Schlüssel ins Schloss und sperrte mit einer Linksdrehung
auf.
»Magnum und Mac Gyver in einem Haus, stell dir das mal vor!«
Sobald sie in der Küche waren, drehte Arthur den Hahn der Gasflasche
unter dem Spülbecken auf und nahm an dem großen Holztisch Platz. Paul
stand am Herd und
überwachte die italienische Espressokanne,
die auf dem Feuer stand. Schon erfüllte ein köstliches Aroma den Raum.
Paul holte zwei Tassen von dem braunen Holzregal
und nahm seinem Freund gegenüber Platz.
»Behalte das Haus und schlag dir diese Frau aus dem Kopf. Sie hat bereits genügend Schaden angerichtet.«
»Fang nicht schon wieder damit an!«
»Nicht ich war es, der mit einer Leichenbittermiene dasaß, während wir
mit zwei herrlichen Geschöpfen zu Abend gegessen haben«, fuhr Paul fort
und schenkte den
kochend heißen Kaffee ein.
»Deine Träume sind nicht meine!« Paul war empört.
»Es ist an der Zeit, etwas Ordnung in dein Leben zu bringen. Du hast
eine neue Wohnung, einen Beruf, der dich begeistert, einen genialen
Partner, und die Mädchen,
die ich aufreiße, sehen mich an und beten, dass du derjenige bist, der sie anruft.«
»Sprichst du von der, die dich mit den Augen verschlungen hat?«
»Ich meine nicht Onega, sondern die andere. Es wird Zeit, dass du dich ein bisschen amüsierst!«
»Aber ich amüsiere mich ja, Paul. Vielleicht nicht so wie du, aber ich
amüsiere mich. Lauren gehört nicht mehr zu meinem Leben, aber sie ist
ein Teil von mir. Außerdem
habe ich dir schon gesagt, dass
ich mich nicht vom Leben abkapsele. Es war unser erster gemeinsamer
Abend seit meiner Rückkehr, und soweit ich weiß, haben
wir nicht allein zu Abend gegessen.«
Paul rührte ohne Unterlass in seiner Kaffeetasse.
»Du nimmst doch gar keinen Zucker …«, murmelte Arthur und legte seine
Hand auf die seines Freundes. Mitten in der sternklaren Nacht sahen
sich die zwei Freunde in der gemütlichen Küche eines Hauses am Meer
schweigend an.
»Wenn ich an diese absurde Geschichte denke,
die wir zusammen erlebt haben, würde ich dich am liebsten ohrfeigen, um
dich ein für alle Mal aufzuwecken«, sagte Paul. »Und solltest du
verrückt genug sein, sie wieder zu sehen, was würdest du ihr sagen? Als
du mir damals deine Geschichte erzählt hast, habe ich dich zur
Computertomographie
geschickt … und ich bin dein bester
Freund! Sie ist Ärztin, und du kannst dir denken, dass sie dich, wenn
du ihr die Wahrheit sagen würdest, in eine Zwangsjacke mit oder ohne
Hannibal-Lecter- Outfit stecken würde. Du hast getan, was du tun
musstest,
und dafür bewundere ich dich. Du hattest den Mut, sie bis zum Schluss zu beschützen.«
»Ich glaube, ich gehe jetzt besser schlafen, ich bin müde«, sagte Arthur und erhob sich.
Er war schon im Flur, als Paul ihn zurückrief. Arthur steckte den Kopf durch die Tür.
»Ich bin dein Freund, weißt du das?«
»Ja.«
Arthur ging durch die Hintertür hinaus und um das Haus herum. Er strich
über das rostige Gestell der Hollywoodschaukel und sah sich um. Die
Bretter der Veranda
hatten breite Fugen, die Farbe an der
Fassade war durch die glühende Sonne und die salzige Luft abgeblättert,
und der verwilderte Garten sah trostlos aus. Eine frische Brise erhob
sich, und Arthur fröstelte. Er zog den Brief aus der Jackentasche, den
er in Paris auf einer Parkbank an der Place de Fürstenberg begonnen
hatte; er schrieb die letzte Seite und schob ihn zurück in seine
Tasche.
